Rezension von Danja Erni und Anna Schürch zu:

Peez, Georg (Hg.): Kunstpädagogik und Biografie. 52 Kunstlehrerinnen und Kunstlehrern erzählen aus ihrem Leben. Professionsforschung mittels autobiografisch-narrativer Interviews. München (kopaed) 2009

 

Die meisten Leserinnen und Leser dieser Besprechung sind Teil des Berufsstandes der Kunstlehrerinnen und Kunstlehrer, der im vorliegenden Buch beschrieben wird. Alle haben wir wohl eine je eigene Vorstellung davon, welche Erfahrungen unser professionelles Selbstverständnis am nachhaltigsten geprägt haben. Was aber über den individuellen Werdegang hinaus und jenseits von mythischen Selbstzuschreibungen Gemeinsamkeiten oder gar berufstypische Merkmale sein könnten, welche die Eigen- und Fremdwahrnehmung unseres Berufs mitbestimmen, entzieht sich einer spontanen Einschätzung. In einer qualitativen Untersuchung zeichnet Georg Peez aufgrund von über 50 Einzelfallstudien eine Art Phantombild der Kunstlehrenden. Als Mitglied der "professional communitiy" ist der Wiedererkennungseffekt hoch und die Lektüre entsprechend faszinierend.
Eingeleitet wird der Band mit einer sorgfältigen Darstellung der Herangehensweise an das Thema: Neben den Ausführungen zum Stand der kunstpädagogischen Professionsforschung und dem Nachweis eines Forschungsbedarfs wird das methodische Vorgehen beschrieben und begründet und damit transparent gemacht. Quasi nebenbei skizziert der Autor einen informativen und gut verständlichen Einblick in die qualitativempirische Sozialforschung, welcher nicht nur für an Forschung interessierte Berufskolleginnen und -kollegen aufschlussreich sein dürfte. Kern und Basis des umfangreichen Bandes bilden 52 Gespräche mit Kunstlehrerinnen und Kunstlehrern in Deutschland zur Frage, wie der Lebenslauf der Befragten in Verbindung stehe zu ihrer Berufswahl und Berufsausübung. Als Einzelfallstudien wurden diese autobiografischnarrativen Interviews von Studierenden der Universität Duisburg-Essen im Rahmen eines Seminars bei Georg Peez durchgeführt, transkribiert und interpretiert.
Unter der Annahme, dass Menschen nicht nur individuell, sondern auch kulturell und sozial geprägt sind (S. 51), unternimmt Georg Peez im abschliessenden Teil des Bandes den Versuch einer Generalisierung. Konstruktivistisch gedacht geht es (...) um die Muster der Selbstinszenierung und -konzeptualisierung im kulturellen Kontext, die sich einzelne und damit der ganze Berufsstand geben (S. 30). Die Erzählungen der deutschen Berufskolleginnen und -kollegen weisen sich wiederholende Merkmale auf, aufgrund derer Aussagen über Gemeinsamkeiten und typische Muster im Werdegang und in der Berufsausübung ebenso wie in der Selbstkonzeptualisierung von Kunstlehrenden möglich sind: etwa in Fragen nach der Prägung durch das Elternhaus, nach der Ausbildung, der Haltung gegenüber Lehrberuf und Schule oder in Bezug auf die bildende Kunst. So lässt sich beispielsweise feststellen, dass Kunst und die eigene künstlerische Tätigkeit für die meisten wichtige Referenzen darstellen, das Kunstverständnis sich jedoch in der Zeit der Ausbildung formiert und danach kaum noch verändert. Auf kunstpädagogische Konzepte hingegen wird kaum Bezug genommen und das Berufsverständnis scheint entsprechend stärker von persönlichen Vorbildfiguren als von fachdidaktischen Theorien geprägt zu sein.
Trotz einer starken argumentativen Fundierung auf Zitaten aus den Interviews, behält die Interpretation und typologische Reduktion stellenweise einen spekulativ-skizzenhaften Charakter. Dies mag nicht zuletzt daran liegen, dass besonders über die Diskussion der Beispiele und das Deskriptive hinausgehende Erklärungen und Wertungen, welche die Haltung des Autors aufscheinen lassen (so etwa die Ausführungen zu Künstlermythen oder Bemerkungen zur kompensatorischen Bedeutung des Kunstunterrichts) nur knapp kontextualisiert werden und eine kritische Auseinandersetzung des Autors mit der eigenen Positioniertheit fehlt. Die vielen aufgeworfenen Frage, die noch separat und genauer untersucht werden müssten, zeigen vor allem den Forschungsbedarf an: die vorliegende Studie ist gerade erst der Anfang.
Das in den Interviews durchschimmernde Ringen um unsere berufliche Rolle zwischen künstlerischem Freidenkertum und erzieherischem Disziplinierungsgräuel, beziehungsweise zwischen gestalterischem Missionseifer und pädagogischer Berufung ist durchaus auf Schweizer Verhältnisse übertragbar und dürfte den meisten Leserinnen und Lesern vertraut sein. Wenn unsere vermeintlich individuelle Biographie in wesentlichen Punkten einem Muster entspricht, verändern sich dadurch nicht nur die Bedingungen, unter denen wir über unseren Beruf nachdenken, sondern auch die Möglichkeiten, wie wir auf dessen Rezeption einwirken können. Die Studie bietet Gelegenheit nachzufragen, welches Potential die Anerkennung des Verbindenden anstelle des Trennenden innerhalb des Berufsfeldes mit sich bringt. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Bildungsreformen und dem Legitimationsdruck, der den einzelnen Schulfächern daraus erwächst, ist auf der bildungspolitischen Ebene das Distinktionsgebaren eines Berufsstandes zu hinterfragen, das sich - aus unterschiedlichen Gründen - nicht so recht zu sich selber bekennen mag und nach einer gemeinsamen Stossrichtung zu suchen, sich professionell zu positionieren.
Die Erkenntnisse dieses Bandes sind jedoch nicht nur für die berufspolitische Lobbyarbeit von Interesse, sondern auch im Zusammenhang mit aktuellen curricularen Entwicklungen insbesondere der kunstpädagogischen Ausbildungen relevant sowie als Beispiel für die Forschungsarbeit an der Schnittstelle von Hochschule, Studium und Berufsfeld exemplarisch. In diesem Sinne stützt Peez in seinem Resümee auch die Einschätzungen hiesiger Fachleute, welche sich etwa in den Empfehlungen der HSGYM (Hochschulreife und Studierfähigkeit) oder in der Fachdebatte um den Lehrplan 21 abzeichnen. Was er für die in die Forschung involvierten Studierenden und Seminarteilnehmenden sagt, kann für alle Angehörigen des Berufsstandes der KunstlehrerInnen gelten: Dass die vorliegende Forschungsarbeit das eigene implizite Wissen um Formen der Selbstkonzeptualisieung bewusster und damit reflektierbar macht (S. 30) und damit einen Beitrag zur Professionalisierung der Kunstpädagogik leistet.

erschienen in: Heft 03 / 2010, Publikation des Verbandes der Lehrerinnen und Lehrer für Bildnerische Gestaltung Schweiz, S. 465-468