Rezension von Jörg Grütjen zu:

Peez, Georg (Hg.): Kunstpädagogik und Biografie. 52 Kunstlehrerinnen und Kunstlehrern erzählen aus ihrem Leben. Professionsforschung mittels autobiografisch-narrativer Interviews. München (kopaed) 2009

 

Von 29 bis 66: Kunstlehrer und ihre Berufsbiografien
Wann fängt die Berufsbiografie eines Kunstpädagogen an? Im Referendariat? Zu dem Zeitpunkt, wenn neben der künstlerischen Freiheit auf einmal Sicherheit und flexible Arbeitszeitmodelle relevant werden? Mit der Wahl des Studienfaches und der Entscheidung für das Lehramt? Oder schon bei den ersten eigenen Reisen, bei denen das Skizzenbuch zum ständigen Begleiter wird? In der eigenen Schulzeit, als zum ersten Mal ein bewunderter Lehrer vom Talent beim Zeichnen spricht? Schon vor der Kindergartenzeit, beim Basteln und Malen mit der Mutter?
Der kurzweilige Wälzer ist klar gegliedert: erstens Forschungsaspekte, zweitens Einzelfallstudien, also Erläuterungen und Analysen von im Anschluss abgedruckten Interviews und Fotos, sowie drittens eine Zusammenfassung der Ergebnisse. Peez und seine Studenten, die vorrangig die Interviews führten und auswerteten, setzen u.a. die Untersuchungen von Andrea Dreyer (2005) und Fritz Seydel (2005) fort. Der zentrale mittlere Teil des Bandes ist nach Lebensalter der befragten Kunstlehrer sortiert: Los geht es mit einem 66 Jahre alten Kunstlehrer, beendet wird dieser Teil der Darstellung etwa 650 Seiten und dutzende Berufsbiografien später mit einer 29-Jährigen. Das fordert zu einem stöbernden Leseverhalten auf; man sucht mit dem Inhaltsverzeichnis nach eigenen Altersgenossen, um sich an deren Aussagen wie im Spiegel zu prüfen: Bin ich auch so? Oder doch ganz anders? Die Jagd nach Themen und Mustern, die sich ebenso in der eigenen Kunstlehrer-Biografie finden, macht den eigentlichen Lesespaß aus. Oder man blättert die Abbildungen durch: Jeder befragte Kunstpädagoge, die meisten aus NRW, sollte einen Gegenstand zum Interviewtermin mitbringen; dieser wurde dann per Foto im Buch publiziert. Da erkennt der Leser etwa schnell eine Handvoll Beuys-Schüler und wird neugierig auf deren typischen Anekdoten.
Der knapp hundert Seiten umfassende Schlussteil ist erhellend. Schon das Inhaltsverzeichnis listet hier zentrale professionsspezifische Merkmale griffig und leserfreundlich auf, etwa "Talent und Begabung", "Förderung im Elternhaus", "personales Vorbild Kunstlehrer", "Reisen", "Sicherheit", "eigene künstlerische Praxis", "Abgrenzung zur bürokratischen Institution Schule".
Dies ist also ein Buch zum Schmökern, um sich selbst in den Kosmos der Kunstpädagogen-Kollegen einordnen zu können, oder für Referendare und Studenten, um sich zu informieren, wie Kunstlehrer heutzutage häufig sozialisiert sind und "ticken".

erschienen in: BDK-Rundbrief NRW 2 / 2009, S. 16f.