Rezension von Dr. Monika Miller zu:

Glaser-Henzer, Edith / Diehl, Ludwig / Diehl Ott, Luitgard / Peez, Georg: Zeichnen: Wahrnehmen, Verarbeiten, Darstellen. Empirische Untersuchungen zur Ermittlung räumlich-visueller Kompetenzen im Kunstunterricht. München (kopaed) 2012

 

Raumdarstellung zwischen Kindheit und Jugend
Der besondere Beitrag der vorliegenden Publikation im Rahmen der Kinderzeichnungsforschung besteht in zweierlei Hinsicht: Sie erweitert den Einblick in die Raumdarstellungskompetenzen der Heranwachsenden in der kritischen Übergangsphase zwischen der Kindheit und dem Jugendalter, in der bekanntlich die meisten das „freie“ Zeichnen aufgeben. Konkret geht es dabei um die Differenzierung der Raumsysteme, die in den bisherigen Publikationen allgemein unter dem Begriff "Mischformen" zusammengefasst wurden. Außerdem wird die Fokusverlagerung von der Erforschung der Kinderzeichnung als "abgeschlossenes" Produkt auf den höchst komplexen Entstehungsprozess einer Zeichnung ersichtlich. Die prozessorientierte Erforschung der Kinderzeichnung setzt sich nicht nur mit formalen und inhaltlichen Aspekten auseinander, sondern befasst sich gerade mit den räumlich-visuellen Kompetenzen, die als Grundlagen der Entwicklung der Wahrnehmungs- und Gestaltungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen betrachtet werden.
Die methodische Vorgehensweise der Forschergruppe um Edith Glaser-Henzer in der qualitativ empirischen Studie schließt somit neben den Kinderzeichnungen, zusätzlich videografierte Entstehungsprozesse der Zeichnungen sowie Interviews mit den Kindern ein. Die Studie wurde von 2007 bis 2010 an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz in der Klassen 4 bis 6 durchgeführt. Im Unterricht wurden didaktische Lernsituationen geschaffen bzw. Phasen der Vorstellungsbildung eingebaut.
Die Forschungsergebnisse werden mit anschaulichen Fall- und Bildbeispielen erklärt. Berücksichtigt werden dabei sowohl der Gesamtraum als auch die Raumrelationen und Körpervolumina. Die innovative Kategorisierung der Raumdarstellungstypen veranschaulicht vor allem die Komplexität der zweidimensionalen und der beginnenden dreidimensionalen Raumsysteme in der Kinderzeichnung. Die Ergebnisse zeigen, dass die Entwicklung keineswegs linear erfolgt - wie bis jetzt meist angenommen wurde -, sondern von vielen möglichen Entwicklungswegen und einem individuellen Kompetenzzuwachs auszugehen ist. Die Fallbeispiele liefern somit eine gute Orientierungsgrundlage sowohl in der Lehrerbildung als auch für den Kunstunterricht, wenn es darum geht, Raumdarstellungskompetenzen der Heranwachsenden zu verstehen und einzuschätzen.

erschienen in: BDK-Mitteilungen 3 / 2013, S. 44